UM:DRUCK Henry Ruck: Demontage & CO.


Sie heißen Barkarole, Bebop und Impromtu - aber auch Demontage, Bewegung und Turbulenz. Der Berliner Henry Ruck fasste in einem Katalog einen Teil seiner Lithographien und Radierungen aus zwei Jahren künstlerischen Schaffens zusammen. Von Uwe Baumann

(...) Die neueren, heftig gezeichneten Werke passen in unsere Zeit: Demontage – besser könnte man es kaum sagen. Rucks Graphik am Ende des Katalogs zerfällt in geometrisch anmutende Flächen und Figuren: eine Brücke, die in Teilen ins Wasser stürzt? Das Wasser selbst spiegelt einen finsteren Himmel und lässt nichts Gutes erahnen. Das Bild deckt sich mit jenen Gefühlen, die zahlreiche Menschen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen beschleichen. Ob Ruck diese im Sinn hatte? Jeder Betrachter sieht was er sehen will.

Henry Rucks Malerei weicht oft hinter seine graphischen Arbeiten zurück. Hier stehen einander zwei Lager gegenüber. Während die Grafik viel Raum für allerlei Gedankenspiele lässt und die Fantasie des Betrachters fordert, kann man sich in den Acryl-Landschaften durchaus verlieren: Weite Räume, Felder, Himmel, Wiesen. In der Nähe betrachtet sieht man die vielen kleinen Pinselspuren. Die wiederum wirken zunächst unkompliziert, fast einfach. Eigentlich aber sind sie hart erkämpft, trotz offenbarer Großzügigkeit lasten sie im Blick wie ein Bleigürtel unter Wasser.

Graphiken und Acryl-Bilder – auf eigene Weise scheinen sich beide einander annähern zu wollen. Tatsächlich schlägt manche Linie auf dem Litho-Stein eine Brücke zu Pinsel und Leinwand. Die Kombination ist nicht neu, spannend ist sie allemal: Irgendwie scheint Ruck mit den Medien zu ringen, die für ihn Arbeit, Handwerk, Kunst und Leben gleichermaßen sind.

Vielleicht eilt das grafische Werk auch ein, zwei Schritte voraus, in seinen Lithographien und Radierungen lässt Henry Ruck tiefere Einblicke in seine Gedankenwelt zu. Natürlich können die Vereinfachungen, geometrischen Folgen und Abstraktionen auch in die Irre leiten: Wohin führt etwa das Portal? Die zweifarbige Lithographie wimmelt von hauchigen Transparenzen und heftigen Strichen, die einen irgendwohin führenden Eingang zu versperren scheinen. Dahinter liegt Helligkeit, freundliches Sonnenlicht möglicherweise, vielleicht glimmt da aber auch nur eine batteriebetriebene Funzel über einem OP-Tisch. Das Geheimnisvolle in Rucks Graphiken ist es, was aufwühlt. Alles ist möglich – einfache Lösungen oder Alptraum. Jedenfalls Rätsel: angedeutete Notenfolgen, Melodien aus Tusche und Fettkreide und immer wieder diese verflixt schwer zu druckenden Lasuren. Die sehen aus, als schwimme da noch Wasser, als sei Irgendwas verkleckert worden. Das trügt, denn Ruck ist nicht nur als Drucker ein präziser Arbeiter. Seine Linien und Flächen wirken wie die künstlerische Entsprechung einer mathematischen Formel. Aufgelöst in Schichten, Farben und Formen. Mathematik hat auf den ersten Blick wenig mit Kunst, geschweige denn mit künstlerischer Freiheit zu tun. Am Ende steht, zumindest in der Schule, immer ein doppelt unterstrichenes Ergebnis. Von jeher versuchen Künstler weltweit, diese beflügelnde, herrliche und in ihrem Hang zu vollkommener Irre einzigartige Wissenschaft zu knacken. Webdesigner und Elektronikfuzzis mühen sich seit Jahren aus komplexen Rechnungen analoge und digitale Patterns zu basteln. Diese wabern dann psychedelisch durch Videoinstallationen, über Monitore und ins Editorial-Design. Ganz gewitzte verkaufen ein aufgeplatztes Mathebuch auch mal als Infografik oder “Komposition“, in aller Regel aber entkommen solche Versuche nicht ihrer dekorativen Haut.

Henry Rucks Arbeiten hingegen wirken wie zerfließende Polyeder oder das berühmte Herzkartenbild von Johann Stöberer und Johannes Werner – Eben festgehalten auf Papier. Gelegentlich glaubt man, eine vierte Dimension zu erkennen, vielleicht geht das aber auch einen Schritt zu weit. „Alles ist eine Zahl“, ein Projekt der Universität Bayreuth, verdeutlicht eindrucksvoll, wie dicht Mathematik und Kunst eben doch beieinander liegen. Auch Ruck gelingt dies meisterlich, wenngleich das bei flüchtiger Betrachtung nicht zu erkennen ist. Dabei nutzt Ruck nur traditionelle Werkzeuge und ist mit diesen auf sich allein gestellt. Ein Strich ist ein Strich. Jeder sieht anders aus, nichts kann im Original dupliziert werden. Auch ein Apfel-Zett fehlt. Was einmal gezeichnet ist, bleibt. (...)

UM:DRUCK Nummer 12 Oktober 2009

 

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